12.07.2002

KIT-Einsatz Schwanenwerder am 10.07.2002

Zum Bericht der Hundestaffel

Lage

Am 10.07.2002 gegen 20:45 Uhr stürzten bei einem schweren Sturm mehrere Bäume auf Zelte eines Zeltlagers auf der Halbinsel Schwanenwerder. Dabei kamen zwei Jungen im Alter von 14 und 15 Jahren ums Leben, 14 Kinder wurden verletzt, 90 Kinder mußten evakuiert werden. Aus technischen Gründen war es der Berliner Feuerwehr und anderen Hilfsorganisationen nicht möglich zeitnah an die Verletzten heran zu kommen, da der Landweg durch umgestürzte Bäume versperrt war und die Rettung nur über den Wasserweg erfolgen konnte. Die 90 unverletzte Kinder und ihre Betreuer wurden in einer nahegelegenen Jugendherberge untergebracht.

Alarmierung

Ich wurde über Telefon gegen 21:20 Uhr von Herrn Jungblut DRK alarmiert. Treffpunkt war die Feuerwache Wannsee.

21:40 Uhr

Nach Eintreffen in der FW Wannsee holte ich mir als erstes eine Lage vom B-Dienst DRK und erfuhr dort, daß es sich bei den Kindern um Kinder einiger Jugendfeuerwehren, THW und DRK handelt. Sie sollten mit Booten in die Feuerwache gebracht werden.

Handlungsablauf

In Absprache mit der Feuerwehr richteten wir eine Sammelstelle für Unverletzte in der Empfangshalle ein um dort auch die Registrierung vorzunehmen.
Hierbei wurde ich sehr gut von der Feuerwehr und der Polizei unterstützt. Kurz darauf kamen 2 Kollegen vom Feuerwehrnachsorgeteam die mir nach kurzer Rücksprache die Einsatzstelle in der Halle überließen und selber in den Pol.Abschnitt 43 fuhren um dort die eintreffenden Eltern zu betreuen.
Telefonisch alarmierte ich noch 3 weitere Helfer aus unserem KIT-Team die so schnell wie möglich kamen. Eine Helferin schickte ich auf Wunsch des Nachsorge Teams ebenfalls zum Abschnitt 43 um die Kräfte dort zu unterstützen. Wir warteten in der Feuerwache zu dritt auf unseren Einsatz. Kurze Zeit darauf erfuhr ich vom Nachsorgeteam, daß die Kinder nicht von der Insel herunter konnten und wir wurden gebeten uns in die Jugendherberge nach Schwanenwerder zu begeben.
Die Zufahrt zur Insel war für Fahrzeuge jeder Art unpassierbar und so machten wir uns zu Fuß auf den Weg.

Lage vor Ort
23:15 Uhr

In der Jugendherberge fanden wir 90 völlig verstörte Kinder im Alter von 10 bis 16 Jahren und ihre Betreuer an. Von der Notfallseelsorge war Pfarrer Kluge anwesend mit dem wir sofort begannen uns einen überblick über den Zustand der Kinder zu machen. Wir bildeten eine Führungsgruppe aus KIT- Team, Notfallseelsorge, Feuerwehr, DLRG und den Herbergseltern und besprachen kurz welche Aufgaben wer übernimmt.
Während sich die DLRG um die Verpflegung und Logistik kümmerte konnten wir uns völlig auf die Betreuung der Jugendlichen und ihrer Betreuer konzentrieren. Die bei unserer Ankunft anwesenden Helfer vom ASB verschwanden nach kurzer Zeit und das KIT-Team sowie die Notfallseelsorge übernahmen die Einsatzstelle. Leider war von den schon anwesenden Helfern noch keine richtige Registrierung vorgenommen worden und nur die Polizei hatte eine vollständige Liste der anwesenden Kinder und Betreuer. Diese Liste war von der Polizei mitgenommen worden. Dieser Umstand führte zu vielen Nachfragen durch die Eltern auf dem Polizeiabschnitt und hätte unbedingt vermieden werden müssen. Kinder und Betreuer waren schwer traumatisiert und uns stand eine anstrengende und sehr lange Nacht bevor. Leider mußten 2 KIT-Helfer nach einiger Zeit die Einsatzstelle aus beruflichen Gründen verlassen, so daß die Betreuung nur noch von Pfarrer Kluge und mir durchgeführt wurde. Hier war es eine sehr große Hilfe, daß wir seit Jahren befreundet sind und unsere Arbeitsweise kennen, deshalb forderten wir keine weitere Unterstützung an.
Im Haus herrschte einigermaßen Ruhe, viele Jugendliche schliefen schon in großen Gruppen in mehreren Zimmern.
Draußen gab es eine Gruppe von Jugendlichen die 14 bis 16 Jahre alt waren und nicht schlafen konnten. Ich stellte Stühle vor die Tür und bot ihnen das Gespräch an, was sehr gerne angenommen wurde. In diesen Gesprächen schilderten mir die Jugendlichen unter Tränen welche Ängste sie gehabt haben und wie sie das Unglück erlebt hatten. Hier wurde erst das gesamte Ausmaß der Katastrophe klar. Teilweise hatten die Jugendlichen den schweren Sturm auf dem Boden liegend über sich hinweg rasen lassen und dabei Todesangst gehabt. Sie hatten andere Kameraden aus dem Lager um Hilfe schreien hören und sind unter herabstürzenden Bäumen in einen Bunker geflüchtet. Hier harrten sie zusammengepfercht aus, bis sich das Unwetter gelegt hatte. Die meisten Kinder hatten auf Grund der heißen Witterung am Tage nur eine Badehose an und froren erbärmlich. Vom Bunker waren sie dann durch ihre Betreuer und den ASB in die Jugendherberge geführt worden.
Vom Tod der beiden Kameraden wußten die Kinder zum Zeitpunkt unserer Gespräche noch nichts. Ihre Betreuer hatten ihnen lediglich erklärt das sie im Krankenhaus liegen. Wir wurden von den Betreuern vorher darum gebeten die Todesnachricht von ihnen überbringen zu lassen, da sie die Kinder besser kennen würden. Nach langem hin und her beschlossen wir dann die Kinder nach der Nacht gemeinsam zu informieren, obwohl wir wußten das dies eine ungünstige Lösung ist, die normalerweise vom KIT-Team nicht praktiziert wird. Der Grund unsere Arbeitsweise umzustellen war, daß schon viele Kinder schliefen und wir keine 2 Versionen kursieren lassen wollten. Außerdem befürchteten wir, daß die Jugendlichen die anderen Kinder wecken könnten um ihnen die Nachricht zu überbringen.
Im Gespräch beruhigte sich die Gruppe relativ schnell und sie trösteten sich gegenseitig. Jörg Kluge kümmerte sich in der Zeit um einige Betreuer die sich schwere Vorwürfe machten und völlig fertig waren. Trotz dieser Belastung haben sich alle Betreuer hervorragend um die Kinder gekümmert und ihre eigenen Gefühle außer acht gelassen.

03:00 Uhr

Im Laufe der Nacht wurde die Zufahrt nach Schwanenwerder für kleinere Fahrzeuge passierbar und es trafen Eltern von Berliner Kindern ein, die ihre Kinder abholen wollten. Ich erklärte ihnen das die Kinder schlafen würden und ließ ihnen die Möglichkeit offen die Kinder zu wecken. Dadurch das so viele Kinder in jeweils einem Zimmer schliefen, hätten sie allerdings auch die übrigen Kinder geweckt die nicht abgeholt wurden. Deshalb konnte ich die Eltern davon überzeugen, daß es besser wäre die Kinder schlafen zu lassen. Ich bot den Eltern an ihren Kindern einen Brief zu schreiben was sofort genutzt wurde, und die Eltern erklärten sich damit einverstanden die Kinder erst am nächsten Morgen abzuholen und fuhren wieder nach Hause.
Große Probleme machte die Tatsache, daß die Kinder keine Kleidung bei sich hatten. Die Kleidung die von einer SEG bereitgestellt worden war, war viel zu klein und konnte nicht genutzt werden. Dies lag sicher daran, das dass Alter der Kinder nicht bekannt war.
Der Einsatzleiter der Polizei Herr Lenz, mit dem ich regelmäßig telefonisch Kontakt hatte, organisierte daraufhin über einen Geschäftsführer der Firma Karstadt 90 Trainingsanzüge und Socken die überraschend schnell eintrafen. Leider konnte mein Vorschlag sich Bekleidung aus der Kleiderkammer von der Landesgeschäftsstelle zu besorgen nicht umgesetzt werden da sie telefonisch nicht zu erreichen war.

05:00 Uhr

Am frühen Morgen trafen dann Räumfahrzeuge der Polizei ein, die auf ihren Schaufeln die Kleidung und die gefundenen Gegenstände brachten und direkt vor dem Eingang einfach abkippten. Wir versuchten dann in aller Eile die Bekleidung der toten Kinder auszusortieren. Dies war für uns selber eine sehr belastende Situation. Wir waren etwas enttäuscht über die Handlungsweise der Polizei, da es sicher praktikablere Lösungen gegeben hätte. Leider wurden wir zu dieser Sache nicht gefragt und damit völlig überrascht.
Immer wieder wachten dann einige Kinder auf die eingenässt hatten, ein sicheres Zeichen wie schlecht es ihnen ging. Wir beruhigten sie, kleideten sie ein und brachten sie wieder ins Bett.
Die ganze Nacht hatten wir immer wieder mit weinenden Betreuern zu tun die einfach nicht fassen konnten was geschehen war. Besonders schwer betroffen waren die Betreuer der Gruppen aus Frankfurt und Müggelheim, da aus ihnen die beiden toten Kinder stammten.
In der ersten Phase der Betreuung waren Zuhören und in den Arm nehmen unsere einzigen Maßnahmen.
Neben der seelischen Betreuung mußten wir auch 1. Hilfe leisten, denn erst jetzt merkten Jugendliche und Betreuer daß sie sich bei der Flucht verletzt hatten. Wir behandelten Schnittverletzungen an den Füßen, entfernten Splitter und behandelten viele mit Prellungen und Schürfwunden. Ich war froh meinen Sanitätsrucksack dabei zu haben, da das meiste Sanitätsmaterial auf dem Zeltplatz lag und unbrauchbar war. Ein RTW oder KTW als Unfallhilfsstelle wäre hier sehr von Vorteil gewesen.
Leider war der RTW schon in der Nacht abgezogen worden.
In der Zwischenzeit war von der Polizei ein Hotline Telefon eingerichtet worden, was dazu führte, daß viele Nachfragen an uns weitergeleitet wurden weil der Informationsfluss nur sehr spärlich war. Daraufhin entschlossen wir uns das Telefon der Jugendherberge als Hotlinenummer anzugeben. Die Eltern konnten jetzt direkt bei uns anrufen und nach ihren Kindern fragen, sie sogar selber sprechen. Die Leitungen wurden ständig genutzt und es hat sich als äußerst hilfreich erwiesen.

06:30 Uhr

Nachdem die meisten Kinder wach waren,wurde ihnen die Nachricht über den Tod der beiden Kindern überbracht und es gab viele Zusammenbrüche und Sprachlosigkeit. Die Betreuer waren von der Reaktion der Jugendlichen so belastet, daß ich die Betreuung der Kinder alleine durchführte. Hierzu wählten wir gemeinsam eine baumlose Wiese am Wasser, wo wir über die Toten sprachen und eine Kerze anzündeten. Ich ließ die Jugendlichen etwas über die Kameraden erzählen und sie sprachen über ihre Ängste und ihre Zukunft. Wie schon erwartet empfanden die Jugendlichen es als schlimm daß sie nicht sofort die Wahrheit erfahren haben. Ich versuchte den Kindern zu erklären warum ihre Betreuer diesen Weg genommen haben und es wurde dafür Verständnis aufgebracht.
Ich schlug den Jugendlichen vor, daß jeder in den Kreis treten sollte und ein paar Worte für die Toten spricht und ein paar Wünsche äußert. Dies wurde sehr gerne von allen angenommen. Hierbei äußerten auch einige Jugendliche was sie in Zukunft in ihrem Leben ändern wollen und ich war sehr ergriffen über den Ernst und die Offenheit der Jugendlichen. Sie suchten viel Körperkontakt und suchten auch später noch oft Trost und das Gespräch bei mir.
Während dieser Zeit wurde ein Frühstück angeboten, aber viele Jugendliche lehnten ab etwas zu essen. Zum Trinken mußten einige regelrecht gezwungen werden. Diese Stelle auf der Wiese wurde von nun an ein fester Treffpunkt für alle die mit mir sprechen wollten oder einfach nicht alleine weinen wollten. Ich war dort immer anzutreffen. Hier wurde auch sehr gerne die Möglichkeit genutzt die Eltern noch mal anzurufen und ihnen die Nachricht über den Tod der Kameraden zu informieren. Die Kinder nutzten hierfür mein Handy.
Gegen 08:00 Uhr kamen die ersten Eltern um ihre Kinder abzuholen und ich bot ihnen das Gespräch mit mir an. Hier wurde mir immer wieder die Frage gestellt wie sie sich jetzt verhalten sollen und ich gab ihnen Hinweise zum Umgang und Ansprechpartner an die sie sich wenden könnten.
Für 09:45 Uhr hatte Jörg Kluge eine gemeinsame Andacht organisiert die zusammen mit Herrn Broemme von Pater Vincent abgehalten wurde. Nicht alle Jugendliche nahmen daran teil.
Anschließend nutzten die Betreuer die angebotene Möglichkeit noch mal mit den Jugendlichen auf den Zeltplatz zu gehen, ein Wunsch der von den meisten Jugendlichen geäußert wurde. Fast alle nahmen daran teil. Man nahm Abschied von den toten Freunden und ich merkte wie wichtig es war nochmals dorthin zu gehen.
Um 12:00 Uhr beendete ich meinen Einsatz, Jörg Kluge blieb noch bis die letzten Jugendlichen abgefahren waren.
Am Nachmittag gab ich telefonisch einen Situationsbericht an die Notfallseelsorge in Ulm ab, welche die Jugendlichen weiter betreuen werden.
Am 14.07.2002 werde ich an einem Treffen für alle Betroffenen aus Müggelheim teilnehmen. Die Bitte kam vom Wehrführer der FFW Müggelheim und vom Feuerwehrnachsorgeteam.
Abschließend möchte ich noch sagen, daß die Zusammenarbeit am Einsatzort mit allen Beteiligten ganz hervorragend war.

Fragen und Anmerkungen

1.Warum war es nicht möglich in der Landesgeschäftsstelle ( Pförtner / Leitstelle ) noch jemanden zu erreichen der sich um die Beschaffung von Kleidung kümmern konnte?
Was kann man hier besser machen?
2.Warum wurde der RTW vom Einsatzort abgezogen obwohl sich über 90 Betroffene noch vor Ort befanden?
Man hätte diesen als Unfallhilfsstelle nutzen können, zumal sich genügend ausgebildetes Rettungspersonal vor Ort befand und die Zufahrtswege immer noch schwer passierbar waren.
3.Es wäre von großem Vorteil gewesen, wenn wir vor Ort ein Funkgerät gehabt hätten. In der Leitstelle war z.B. nicht bekannt, daß ein KIT-Team vom DRK vor Ort war, dadurch wurde in der Leitstelle der Dienst um 03:00 Uhr beendet. Für spätere Anforderungen hatten wir keinen Ansprechpartner mehr.

Kurz über uns

Unser KIT-Team besteht zur Zeit aus 6 in Krisenintervention ausgebildeten Leuten die nicht nur für Betroffene sondern auch für alle Helfer alarmierbar sind. Wir würden uns freuen, wenn dies bei solchen Einsätzen während und danach genutzt wird! Sehr von Vorteil wäre es, wenn wir mit Alarmempfängern ausgestattet werden.


Anne Dummer / KIT-Team DRK

PS: Dieser Bericht kann von allen genutzt werden und auch in Auszügen oder gesamt zur Weitergabe oder Veröffentlichung verwendet werden.
Sollte der Bericht nicht sachlich genug sein, so bitte ich dies zu entschuldigen, aber die emotionale Beteiligung ließ keinen sachlicheren Bericht zu !

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